Der Markt für ambulante Pflege als Investment?

Seit einiger Zeit wird der Markt für ambulante Pflege von branchenfremde und Unternehmen aus benachbarten Märkten (insbesondere Stationäre Pflegeheimbetreiber, Homecare-Unternehmen, Sanitätshäuser) als vermeintlich attraktiver Markt wahrgenommen.

Wie nie zuvor drängen derzeit neue Marktteilnehmer in den Ambulanten Markt und zahlen nicht marktgerechte sondern strategische Preise für den Markteintritt. Für Kapitalbeteiligungsgesellschaften, Fonds und sogenannte „Family Offices“ – allesamt externe Liquiditätsbeschaffer – scheint der Markt für die ambulante Pflege als höchst attraktiv, denn aufgrund des „Boomfaktor Pflege“ scheint die Beschäftigung und damit einhergehende gute Renditen sicher. Unternehmensvermittler berichten von langen Listen mit willigen Käufern, denen nur wenige zum Kauf stehende Pflegedienste gegenüberstehen.

Nicht zuletzt durch die geänderten Rahmenbedingungen des PSG II und die geänderte Finanzierungsstruktur der stationären Pflege drängen z. B. in Nordrhein-Westfalen eine Reihe von Pflegeheimbetreibern in den Markt für ambulante Pflege: Hier wird auf zusätzliche eigene ambulante Pflegedienste gesetzt (durch Zukauf) und auf ein zusätzliches Wohnangebot im Quartier.

Aber auch die bestehenden Pflegedienste – in der Regel die größeren – expandieren an eigenen Standorten und durch Ausgründung in der Fläche.

Es gibt aber auch Schattenseiten dieser Marktentwicklung: Insbesondere von diesen strategisch motivierten Käufern werden auch strategische Preise für ambulante Pflegedienste gezahlt, die sich – soviel ist aus der Praxis bekannt – auf viele Jahre hinaus nicht refinanzieren lassen.

Hinzu kommt, dass nicht alle Wachstumsszenarien glücken. Ein großer privater Krankenversicherer hat die Expansion seiner Tochtergesellschaft als flächendeckenden Systemanbieter bei einer geringen Standortanzahl bereits beendet. Andere Systemanbieter (Filialisten oder Franchisegeber) wachsen nicht in dem erhofften Maß und laufen ihren Kosten hinterher.

Heimbetreiber können bereits für ihr Stammgeschäft nicht genug Fachkräfte und überlassen daher nolens volens den ambulanten Markt der jeweiligen Region dem bereits etablierten Wettbewerb. Der Mangel an Personal in Qualität und Quantität und die Notwendigkeit einer gelebten Wertschätzung der eigenen, bestehenden Mitarbeiter wird häufig unterschätzt und ist und behindert damit die in den Strategiepapieren festgeschriebene Expansion an Standorten einerseits und in der Fläche andererseits.

In Fällen, in denen es gelingt, einen erfolgreichen und inhabergeführten Pflegedienst zu übernehmen, können die nachweislich durch den Inhaber in langen Jahren erwirtschafteten Umsätze und hohe Renditen nicht gehalten werden: Aus der Praxis ist bekannt, dass der i. d. R. den Inhaber ersetzende angestellte Geschäftsführer naturgemäß diese hohen Renditen und überdurchschnittlichen Umsätze nicht halten können. Selbst erprobte und systematische Strukturen können den Motor „Inhaber“ nicht ersetzen.

Vor dem Hintergrund dieser Betrachtungen ist das Investment in den Markt für ambulante Pflege deutlich nüchterner zu betrachten. Angeblich hohe Renditen relativieren sich meist in der alltäglichen Praxis und Strategien bedürfen einen langen Atem!